Generation ohne Eltern.
Die Wende in der DDR kam, da war ich nicht ganz 10 Jahre alt. Sie kam überraschend und meine Eltern gehörten nicht zu denen, die es ausgelassen feierten, aber sie gehörten auch schon nicht zu denen, die in den Monaten zuvor mit Kerzen auf die Straße gingen.
Mein Vater war überzeugt vom System, die DDR war wie ein Vater für ihn. Er kannte auch alle Schlupflöcher im System. Sei es die besonderen Sachen unterm Ladentisch bekommen, sich zweimal für Bananen anzustellen oder das „gibst Du mir das, dann bekommst Du dafür das“ – Prinzip. Sein Glauben war unerschütterlich, dass es dieser Staat schaffen würde einmal das zu sein, wofür er gegründet wurden ist.
Für mich war die DDR mein Zuhause nicht mehr und nicht weniger. Ich war auch gern Pionier und genoss die Zeit am Nachmittag in AGs und Projekten. Auch beim Altstoffsammeln war ich immer mit vollem Eifer dabei. Mein blaues Halstuch trug ich mit Stolz, aber ich lief auch gern einfach in Schlumperklamotten herum. Diese Jahre später aufkeimende Diskussion, dass alles erzwungen war habe ich nie verstanden. Für mich gehörte es dazu, aber ich war auch noch ein kleiner Junge, wer weiß ob ich es später nicht anders gesehen hätte.
Unter den Menschen, die auf die Straße gingen, waren auch einige unserer Nachbarn. Sie hatten Kerzen in der Hand und riefen: „Einheit jetzt!“. Selbst die Müllwagen trugen diesen Satz, der aus so vielen Kehlen voller Hoffnung drang. Ich sah dies nur von weiten, oben aus dem ersten Stock, mit der Nase am Erkerfenster plattgedrückt. Für mich waren das alles Piraten und Abenteurer. Ganz weit weg und doch so offensichtlich präsent, dass ich mich oft fragte, was Sie denn wollten. Mit meinem Vater konnte ich darüber nicht reden, aber ich verstand, das Leben begann sich gerade zu verändern.
Für mich war diese Zeit ein riesiges Abenteuer. Ich war nicht ganz 10 und gerade in der 2.Klasse der Volksschule. Den Samstagsunterricht gab es nicht mehr und wenn mich etwas gestört hatte in diesem Land, dann das. Die ersten Bilder vom Mauerfall kamen überraschend und waren Bilder, die mein Kopf schon registrierte, aber nicht verstehen konnte.
Ein Tag nach der friedlichen Revolution zwischen zwei deutschen Ländern saßen wir in einer Kneipe und tranken miteinander, mein Vater und ich. Er sein Bier und ich meine Pepsi, die vielen Fragen, welche mir unter der Zunge klebten, blieben unbeantwortet. Doch mein Vater sah traurig aus und ich glaube auch wenn ich es damals noch nicht verstanden habe, in diesen Tagen verlor ich ihn. Am Ende verlor er sich selbst, weil es das System und die Menschheit an die er geglaubt hatte nicht mehr gab.
Mit Augen voller Staunen und Abenteuerlust fuhr ich mit meinen Eltern nach Hof, um unser Begrüßungsgeld abzuholen. Der Westen kam mir wie ein riesiger Intershop vor, dessen Schaufenster ein Tor in eine ganz neue Welt waren. Es gab so viele Dinge, die ich zuvor nie gesehen hatte. Alle bekamen ein Weckradio, welches mich noch Jahre lang begleiten sollte. Dazu gab es für mich eine Alf Platte, auf die ich fast so stolz war, wie die Jahre zuvor auf mein blaues Halstuch. Ansonsten erinnere ich mich nur noch, dass der Zug auf der Rückfahrt über eine Stunde Verspätung hatte und ich frierend am Bahnhof stand.
Die Flut an Westverkäufern mit riesigen LKWs, die unsere Stadt heimsuchten. Mit Joghurt, Melonen, Bananen und Ananas, die Sie von der Ladefläche herunter an die armen Ex-DDR Menschen verkauften. Ich gebe es zu, es war ein Schlaraffenland Zeit für mich. Aber nüchtern betrachtet habe ich es nie vermisst. Es gehörte zu meinem Leben, wie verrückt nach Hause zu rennen und zu berichten, dass es Bananen im Konsum gab. Dann mit Papa oder Mama loszurennen nur um einige dieser gelben Früchte mitzunehmen. Oder die eine Banane zur Schulspeisung nicht einfach aufzuessen, sondern mit meinen Geschwistern Zuhause zu teilen. Jede Woche stand ich zwei Stunden für die FF (Fernsehzeitung) an und es machte mir nichts aus. Im Gegenteil ich fand es spannend zwischen den Leuten. Manchmal erzählte jemand Älteres eine Geschichte aus seinem Leben, oder wir spielten kleine Spiele. Dieses lockere Miteinander habe ich später des Öfteren vermisst.
Natürlich wusste ich von der Mauer, in Grundzügen von der Reisebegrenzung und von den anderen Dingen, die nicht wirklich sozial liefen. Ich bin ja nicht blind gewesen, aber es spielte für mich keine Rolle, weil es mir nicht schlecht ging. Heute weiß ich, um die Dinge und musste mein Bild von meiner damaligen Heimat auch revidieren, aber trotzdem war nicht alles schlecht. Es war ein erstaunliches soziales Gefüge, ich wusste wer meine Nachbarn sind und ich fand in Ihnen auch Zuhörer für meine Alltagdinge.
In meiner Familie ging es bergab nach der Wende. So richtig. Meine Mutter und mein Vater wurden nicht mal zwei Jahre nach der Vereinigung arbeitslos. Mein Vater war zu DDR Zeiten Hochdruck Kesselwärter mit Betriebswohnung und einem ordentlichen Auskommen. Die Heizwerke wurden nach und nach geschlossen. Es war das erste Mal im Leben meines Vaters, dass er sich wertlos vorkam. Meine Mutter hatte vieles gelernt, aber war wegen meiner Geschwister und mir viel Zuhause geblieben in den letzten Jahren. Sie schaffte den Einstieg auch nur sporadisch in Hilfsjobs in diesen Jahren. Zum großen Unglück hatten meine Eltern sich kurz nach der Wende noch einen Kredit aufschwatzen lassen für eine neue Schrankwand. 5000 DM, die nun wehtaten. Inzwischen waren wir 4 Kinder auch nicht mehr eine schöne Großfamilie, sondern immer öfter eine Familie „die ja nur so viele Kinder hatte wegen dem Kindergeld.“
Die ersten Jahre nach der Vereinigung hatten ihren Glanz verloren, die ersten Illusionen waren von der Realität abgelöst wurden. Die Erwachsenen, die Eltern hatten plötzlich mit Problemen zu kämpfen, die vorher nie eine Rolle gespielt hatten. Arbeitslosigkeit, Preisvergleiche in den Supermärkten und das neue Leben an sich verstehen zu lernen. Aus der Gemeinschaft wurde mit der Zeit immer mehr eine Ellenbogen Dynastie. Dort wo wir früher die fremden Waren im Schaufenster des Intershops genossen hatten, gab es jetzt alles, aber es bedeutete nicht, dass wir es uns leisten konnten.
Die Nachbarn, die ich vor Jahren noch als Piraten und Abenteurer mit ihren Kerzen erlebt hatte, waren jetzt die, welche über die neue Situation jammerten. Weil es das Land von früher nicht mehr gab und das Neue nicht gehalten hatte, was Sie sich erhofft hatten. Niemand wollte die Mauer wieder und auch die Reisefreiheit waren eine große Errungenschaft, aber es geht um die Dinge, die plötzlich in vollbehütete Alltage kamen.
Die Erwachsenen waren in Ihrer eigenen Welt. Es war fast so als wären wir eine Generation ohne Eltern. Mussten in dieser Zeit viel schneller erwachsen werden, weil uns niemand von Ihnen sagen konnte, wie das Leben funktionierte. Das Gefüge der Familien war verrutscht, wir trugen viele Lasten unserer Eltern mit. Mein Vater fing an mit trinken, was er als Chance empfand, um der Leere zu entfliehen. So schien es als hätte ich meine Kindheit 1989 mit dem Mauerfall abgegeben. Ich war mit diesem Schicksal nicht alleine. Alles war neu und niemand wusste wohin es gehen sollte. Alles was war, war schlecht und neue Konzepte gab es noch nicht. Es ging alles verdammt schnell.
Generation ohne Eltern. Die irgendwo zwischen Wende und Gesamtdeutschland verloren gingen. Sie waren so mit sich selbst und ihren Enttäuschungen beschäftigt, dass es für uns kein Raum gab an den wir beteiligt den Schritt mitgehen durften.
Eine Nachbarin traf ich Jahre später wieder. Sie stand in einer Meute von stadtbekannten Nazis mit Fluppe und Dosenbier in der Hand. Heruntergekommen und nichts erinnerte mehr an die Frau mit wallendem schwarzen Haar, die ich einmal so schön fand. Alles kam viel zu schnell und viele Menschen hatten nicht die Zeit ihr Leben neu ordnen zu können. Es gibt sicherlich tausende Geschichten, die gut gegangen sind und aber auch genügend andere, die völlig schiefgelaufen sind.
Das Abenteuer war zu Ende nun war es eine Realität. Meine Familie hat es fast zerstört und ich glaube, die friedliche Revolution hatte Ihre Opfer in den Jahren danach. Ich möchte nie wieder eine Mauer zurück oder die Unterdrückung, aber ich hätte mir gewünscht, dass man die einschneidende Veränderung besser vorbereitet und begleitet hätte.
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